Das Projekt

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Berlin Mondiale ist ein Netzwerk von Kultureinrichtungen und Unterkünften für geflüchtete Menschen in Berlin. In Tandem-Partnerschaften werden künstlerische Programme und Projekte der kulturellen Begegnung realisiert und somit die Zusammenarbeit mit im Exil lebenden Menschen ermöglicht. Projektbezogene Aktivitäten sollen in langfristige Kooperationen und individuelle Formen des Zusammenwirkens übergehen und verstetigt werden.

Berlin Mondiale ist seit der Gründung 2014 von sieben auf derzeit 27 Tandems[1] angewachsen, die sich auf neun Berliner Bezirke verteilen. Ende 2017 sollen es 50 aktive Partnerschaften sein. Unter den Kultureinrichtungen sind sowohl große, staatlich subventionierte Institutionen als auch Produktionsstätten der freien Szene vertreten. Sie arbeiten in den Sparten Bildende Kunst, Film, Literatur, Museum, Musik, Musiktheater, Tanz und Sprechtheater/Performance. Bei den Unterkünften für geflüchtete Menschen handelt es sich überwiegend um Gemeinschaftsunterkünfte von verschiedener Größe – während die eine Platz für 75 Menschen bietet, wohnen in anderen bis zu eintausend.

Berlin Mondiale setzt sich dafür ein, geflüchteten Menschen Zugänge zu Arbeit und Beschäftigung im Kunst- und Kulturbereich zu ebnen und Gestaltungsräume zu öffnen. Die einzelnen Projekte verfahren unterschiedlich, immer aber prozessorientiert und basierend auf konzeptionellem Dialog zwischen den Kulturschaffenden, Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen. Im Fokus liegen partizipative Formate wie Ferienwerkstätten, fortlaufende Workshops und Exkursionen. Akteur*innen der Kooperationen im Rahmen von Berlin Mondiale sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Alt- und Neu-Berliner*innen. Innerhalb der Projekte und häufig auch in den Institutionen engagieren sich Bewohner*innen der Unterkünfte unter anderem in der Künstlerischen Mitarbeit, Übersetzung, Workshop-Leitung oder –Assistenz. Für die Menschen, die in Sammelunterkünften leben müssen, sollen die Kultureinrichtungen verlässliche Ansprechpartner und lebendige Orte in der Stadt sein.

Berlin Mondiale begleitet Institutionen bei der diversitätssensiblen Weiterentwicklung und macht sich für eine diversitätsorientierte Öffnung und Veränderung in den Bereichen Programmangebot, Publikum und Personal stark. Insbesondere die großen Kulturhäuser im Netzwerk haben die Möglichkeit und den Auftrag, die gesamte Gesellschaft in den Blick zu nehmen und ihren Einfluss über den Projektrahmen hinaus wirken zu lassen.

Als übergreifendes Beratungs- und Kompetenzzentrum bietet Berlin Mondiale Unterstützung an, wo sie nötig wird – häufig in Form einer Begleitung der Projekte durch Beratung, Übersetzung oder Supervision zu bestimmten Themen. Zusätzlich werden Netzwerktreffen für alle Beteiligten ausgerichtet, die einen Fortbildungs- und Austauschcharakter haben. Berlin Mondiale versteht sich als flexibles Konstrukt, das sich vor allem im Austausch untereinander entwickelt und wächst.

Mit den Begriffen “geflüchtete Menschen/Geflüchtete” möchten wir Menschen unterschiedlicher (Selbst-)Positionierungen ansprechen, die durch forced migration in Sammelunterkünften leben müssen, sich in Asylverfahren befinden und/oder eine persönliche bzw. familiäre Fluchtgeschichte haben und somit strukturell ausgeschlossen und gesellschaftlich marginalisiert werden.

Berlin Mondiale ist ein Projekt des Rates für die Künste Berlin in Trägerschaft des Kulturnetzwerkes Neukölln e. V. mit unterstützender Beratung des Flüchtlingsrats Berlin e. V. Berlin Mondiale wird gefördert durch die Senatsverwaltung Kultur und Europa/Kulturprojekte Berlin im Rahmen des Masterplans Integration und Sicherheit.

Berlin Mondiale wird unterstützt von e27 und LASERLINE.

Berlin Mondiale, Berlin im Februar 2017

[1]Stand: Juni 2017

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The Project

Berlin Mondiale unites children, young people and young adults with a refugee background and arts and culture institutions in Berlin, thus bringing together the arts and cultures of the world. The creative encounters take place all over the city and across all genres, both in the refugee accommodation centres as well as in the cultural institutions. The principle of the collaboration is the forming of tandem partnerships between one cultural institution and one refugee centre.

In a time when refugees are forced to live in collective accommodation, Berlin Mondiale contributes to breaking down the isolation experienced by them. They are invited to join us in our city as equal members of our society. Through the encounters new possibilities arise, which transcend a singular creative meeting and contribute to improving the living conditions of refugees in Berlin.

In the course of the project work, changes also take place in the co-operating cultural institutions, as refugees become protagonists themselves in the cultural programme. Moreover, partnerships with staff members are set up, traineeships are offered etc. Furthermore, in addition to the individual artistic projects, the Berlin Mondiale is an active network in which the participants share their thoughts and ideas about the artistic and political framework of the artistic project work with refugees. They pass on know-how and put forward joint (cultural) policy demands. Whereas the network was made up of seven partnerships in the first project season 2014/2015, the number of tandems has already increased to thirteen in the current second year 2015/2016.

Berlin Mondiale is a project by the Berlin Council for the Arts (Rat für die Künste Berlin) in collaboration with the Cultural Network Neukölln (Kulturnetzwerk Neukölln e. V.) funded by Berlin Senate Administration Culture and Europe (Senatsverwaltung Kultur und Europa/Kulturprojekte Berlin im Rahmen des Masterplans Integration und Sicherheit).

Statement des Flüchtlingsrates Berlin e. V.

Geflüchtete leben in Deutschland zwischen Hoffen und Bangen, ob sie einen längerfristigen oder dauerhaften Aufenthaltstitel erhalten oder das Land wieder verlassen müssen. Ihr Leben als Asylsuchende bestimmen eigens für sie geschaffene EU-Richtlinien, nationale Gesetze, Vorschriften und Regeln. Der ihnen zugebilligte Aufenthaltsstatus wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus und schlägt sich in vielfältigen Beschränkungen nieder. Die Arbeitsaufnahme ist beschränkt bis rechtlich oder tatsächlich ausgeschlossen. Den Lebensunterhalt der Geflüchteten stellen deshalb Sozialhilfeleistungen sicher. Die Menschen werden dadurch zu Fürsorgeempfänger*innen gemacht. Sie erhalten Leistungen auf Hartz-IV-Niveau und eine deutlich eingeschränkte medizinische Versorgung. 

In einem besonderen Verfahren werden Asylsuchende und illegal eingereiste Migrant*innen auf die Bundesländer verteilt. Den Wohnort dürfen sie nicht selbst wählen, auch wenn sie Verwandte oder Bekannte in Deutschland haben, die Residenzpflicht schränkt die Bewegungsfreiheit zusätzlich ein; ebenso wenig können sie die Unterkunft frei wählen. Die Zuweisung von Aufenthaltsort und Unterkunft sowie die Beschränkungen dort empfinden fast alle  als eine Verletzung des  ‘Rechts auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit’ (Art. 2 Abs. 1 GG). Das gilt für die Erstaufnahme-Einrichtungen mit Vollverpflegung, wie auch anschließend in den Sammelunterkünften, wo jeweils von einer größeren Personenzahl gemeinschaftlich genutzte Küchen und Sanitäreinrichtungen sowie Mehrbettzimmer das Gefühl von Privatheit nicht aufkommen lassen. Die räumliche Enge und fehlenden privaten Rückzugsmöglichkeiten stellen für viele eine große Belastung dar – körperlich wie seelisch.

Von Rechts wegen dürfen Geflüchtete in Berlin nach dreimonatigem Aufenthalt in einer Erstaufnahme-Einrichtung eine Wohnung beziehen. Mit dieser nicht stigmatisierenden, zudem viel preiswerteren, Alternative wären viele Probleme gelöst. Der angespannte Berliner Wohnungsmarkt und manche Vorurteile von Wohnungsvermieter*innen, denen von offizieller Seite kaum entgegengetreten wird, machen die Wohnungssuche jedoch schwierig.

Die Sammelunterkünfte können sich je nach Betreibergesellschaft in Ausstattung und Umgang mit den Bewohner*innen stark unterscheiden. Für alle gilt im Prinzip: pro Person sind 6 qm Wohnraum vorgesehen, Familien erhalten entsprechend ihrer Personenzahl zusammenhängende Räume; Einzelpersonen teilen sich ein Zimmer mit zwei bis vier Fremden, nach Geschlechtern getrennt. Eingangskontrollen durch das Wachpersonal und Videoaufzeichnungen auf den Fluren sind weit verbreitet und vermitteln den Eindruck ständiger Überwachung. Rigides Klopfen an der Zimmertür mag manche daran erinnern, wie brutal sie die Polizei von zu Hause abgeholt hat.

Umso mehr weiß der Flüchtlingsrat Berlin das Engagement und die Offenheit der am Projekt Berlin Mondiale beteiligten Unterkünfte für Geflüchtete und Kunst- und Kulturinstitutionen zu schätzen. Die entstehenden Kooperationen setzen sich für die Rechte der hier ankommenden Menschen ein und helfen, ihre Lebensumstände erträglicher zu gestalten und die Isolation in den Sammelunterkünften aufzubrechen. Die Zusammenarbeit gibt ihnen ein Stück  Normalität und selbstbestimmtes Leben zurück. Sie ermöglicht intensive Kontakte zur Aufnahmegesellschaft. Und sie eröffnet allen Projektbeteiligten die Chance, gleichberechtigt mit- und voneinander zu lernen und etwas Gemeinsames zu gestalten.

Wir sind gespannt auf die Ergebnisse, die uns alle erwarten.

Monika Bergen (Vorstandsmitglied Flüchtlingsrat Berlin e. V.), Berlin 2014