Workshop #5 | dérives 1. Teil

Auf dem Weg zum ersten Vorbereitungstreffen in der Unterkunft komme ich an der Turmstraße die U-Bahntreppen hoch, und bin das erste Mal in Alt-Moabit. Ich lebe noch nicht lange in Berlin, und habe immer wieder das Gefühl, in einer anderen Stadt zu sein – so ist es auch in diesem Moment. Es ist schönes Wetter, und vor der Unterkunft sehe ich Kinder, die hinaus und hinein rennen, mit dem Rad herum fahren, spielen. Das hier scheint ihr Pflaster zu sein, und ich fühle mich fremd in der mir neuen Umgebung.

Von dieser Beobachtung geht meine Vorbereitung für den Workshop aus. Ich möchte mit den Kindern gemeinsam die Gegend erkunden, möchte mir von ihnen den Ort zeigen lassen, an dem sie wohnen. Ich möchte außerdem auch, dass sie den Straßen ihre Stimme geben und so die Umgebung vielleicht noch mehr zu ihrer machen. Also beschließe ich, ein dérive zu machen: Am ersten Tag plane ich, mit Kameras, Malstiften und Tonaufnahmegeräten den persönlichen Blick auf den Kiez zu dokumentieren. Am zweiten Tag möchte ich zu den jeweiligen Orten zurückkehren und dort die entstandenen Bilder etc. aufhängen.

Wie kann ich einen Workshop gestalten, dessen Grundlage zwar ist, dass ich als Studentin in eine Flüchtlingsunterkunft komme, und einen Plan für die nächsten Stunden mitbringe in das Zuhause der dort wohnenden Menschen, in dem sie manchmal auch fremd sind, ohne ihnen unter dem Aspekt zu begegnen, dass sie Flüchtlinge sind? Wie einen Workshop gestalten, für den ich möchte, dass Kinder der Umgebung ihre Stimme geben, weil sie hierher geflüchtet sind, dies aber nicht als Flüchtlinge tun? Die Lösung für diese Fragen scheint mir eine andere Rahmung: Wir alle spielen ein Spiel, in dem wir gemeinsam auf eine Mission gehen und die Straßen erforschen. Dafür verkleiden wir uns, und schaffen uns eine (neue) Forscheridentität.

Künstlerin Hannah Baumann