Workshop #3

 

Blicke auf Stimmen
22. / 23. Oktober 2015, KW, mit Kindern der ASB Notunterkunft

 

 

Spiegelbilder Reflektieren

 

In der Kunstgeschichte gab es eine Zeit, in der Kunst als Abbild der Realität wahrgenommen, geschätzt und geliebt, aber ebenso auch verachtet wurde. In der noch verhältnismäßig kurzen Geschichte der narrativ-romanhaften Erzählers (des Romans) gab es ebenso Zeiten, in denen das Erzählen, insbesondere das Erfinden von Geschichten, nicht sehr gut angesehen war.

Mein Ziel war es, in den beiden Workshoptagen mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, was sie sich wünschen, wie sie sich ihr Leben in Berlin vorstellen, wo sie sich hinträumen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Methode der Wahl war an diesen beiden Tagen die Wunschkiste, ein Modellbaukasten/Bausatz für Wünsche und Stichworte, die mir helfen sollten, Geschichten zu erzählen. Die andere Methode ist und bleibt die Postkarte, die immer noch auf den Tischen liegt und einladen soll, Lebenszeichen zu verschicken und Kontakte in die Welt von heute und morgen zu knüpfen. Geschichten erzählen ist in dieser Gruppe derzeit scheinbar nicht das Medium, einen Dialog zu eröffnen. Ist Geschichten erzählen ein zu privater, wahrhaftiger Akt oder ein zu beliebiger, fiktiver Akt? Vielleicht gelingt in den Anschlussworkshops noch ein Gespräch, das uns diese Frage zu beantworten erlaubt.

Die Kinder sind an jedem Tag in der Ausstellung der KW (sie bestehen darauf!) und dieser Ort ist inzwischen eine Kombination aus Spielplatz und Herausforderung für sie geworden. Ihnen steht es hier frei, sich zu bewegen und sie machen das in einer Weise, wie das nur 10 – 12-jährige Menschen können: mit viel Tempo, Freude und Lachen. Besonders dann, wenn ich ihnen folge und sie in ein Fangen-und-Jagen-Spiel verfallen. Die Werke, über/unter/neben/bei denen sie spielen, scheinen ebenso real/irreal wie eine U-Bahn-Werbung, an der sie verweilen und begehren.

Ich beobachte sie aber auch bei der teils intensiven Rezeption der Werke und bei der Interaktion/Aneignung mit den präsenten Werken und Besucher_innen. Es ist eine sehr langsame Annäherung, die von Workshop zu Workshop neue Strategien hervorbringt und damit neue Ergebnisse. So versuchen die Kinder – wie bei der Arbeit mit Photos – mit ihren Papieren in die Videoprojektionen zu gehen und diese auf ihre Papiere zu übertragen. Weil sie es jetzt aber mit bewegten Bildern zu tun haben, gehen sie mit der Projektion mit und werden während des (Ab)Malens der Videobilder Teil der Projektion und sie sind in der Ausstellung damit die Einzigen, die ein Abbild der Abbilder produzieren und mitnehmen.

Die beiden Ausflüge in die KW sind über die Interaktion mit der Kunst vor allem aber eine willkommene Unterbrechung vom Alltag und sie schenken Freiheit, sich den Regeln und Pflichten die das beengte Zusammenleben mit anderen Kindern und Erwachsenen bestimmen, zu entziehen.

So fällt es mir unendlich schwer, die Entdeckerlust der Kinder, ihren Bewegungsdrang, ihre Selbstbestimmung über das, was an einem sonnigen Nachmittag im Oktober wichtig ist, zu beschneiden und die Teilnahme an vorgedachter und vorbereiteter künstlerischer Bildung einzufordern.

So spielen die Kinder auf der Kunst im Hof der Kunstwerke und sind sehr zufrieden und auch an diesen beiden Tagen ist das Miteinander in seinen Spielformen zentraler Inhalt der Begegnung.

Die Postkarten werden ein anderes Mal beschrieben. Und die Würfel werden irgendwann auch eine Wunschwand bilden.

Thanassis Kalaitzis