Workshop #2

HALLO, ICH BIN’S. DENK AN MICH!

09.10.2015

 

Wir sind für unseren heutigen Workshop mit den Kindern im Aufenthaltsraum der Notaufnahme verabredet. Dieser Aufenthaltsraum ist eine Transitzone. Hier gehen alle durch – manche sitzen unter den großen Fenstern in der einzigen Sofa-Sitzecke, andere bleiben kurz vor dem Fernseher stehen, andere klären mit der Anmeldung Einzelprobleme, etwas wird geliefert, jemand ruft an, es ist eine Kette von Grüßen und Handeschütteln.

Die jungen Bewohner_innen, mit denen wir arbeiten sind heute zwischen 8 und 12 Jahren und sie produzieren hier im Raum jede Menge mehr Bewegung als sonst. Der Herbst hat die Kinder aus dem Hof verscheucht. Sie brauchen Spielraum. Die Künstlerin hat ihre IT-Maschinerie aufgebaut, um den Teilnehmer_innen des vorigen Workshops zu helfen, Kontakt zur ihrer Arbeit in der Ausstellung aufzunehmen. Sie zeigt eine der Filmarbeiten, die in der Ausstellung projiziert wurden und die Fotos, die von den Kindern in der Ausstellung und dem Arbeitsraum gemacht wurden.

Hier wird es plötzlich ruhiger, jede_r wartet, sichtbar zu werden, gezeigt zu werden, jemand zu sein, da zu sein.

An dieses Phänomen soll der heutige Workshop anschließen. „Hallo. Ich bin’s“. Denk an mich“. Idee ist es, mit den Kindern blanke Postkarten zu beschriften und sie im Idealfall sogar zu versenden. An Freunde, an die eigenen Eltern, an die KW, an die Welt, vielleicht sogar an sich selbst. Schnell stellt sich heraus, dass die Postkarten eher ein Format sind, bemalt als beschrieben zu werden. Der Sturm auf die Malutensilien beginnt – ein Wettbewerb entsteht, wer die meisten Stifte hat, wer die meisten Karten bemalt, wer Meister des Meisten ist.

Die Kinder beginnen mit den Fotos der Projektion zu interagieren. Sie halten die Postkarten in die Projektion, wodurch jede Karte ein eigenes Motiv erhält. Nur wenige wagen sich, das selbstgewählte Motiv mit Stiften auf die Postkarte zu übertragen und in der Projektion zu malen. Sie werden ermutigt und unterstützt mit einzelnen, hoffentlich helfenden Strichen und verbalen Ermutigungen. Dafür wagen andere die Karten mit eigenen Motiven zu vereinnahmen. Nur drei von den vielleicht zwanzig Kindern, die mehr und weniger intensiv mitmachen am heutigen Workshop, schreiben selbstverständlich eine Nachricht auf die Postkarte, nachdem sie sich um eine Motivgestaltung auf der blanken Seite bemüht hatten.

An diesem Punkt sind die Kinder, die in der Notunterkunft untergebracht sind, ihren Altersgenoss_innen in Einfamilienhäusern, WGs, Einzelelternhaushalten oder statistischen Durchschnittsfamilien ganz ähnlich: Was ich gestalte ist meins! Was ich (be)schreibe ist meins!

Mein Wunsch über die Versendung der Karten und ihre Inhalte zu sprechen wird ausgeschlagen, die beschriebenen Postkarten sind appropriiert. Das geschriebene Wort ist privat. Die Karte als Form des Dialoges ist privat – sei es ein Dialog mit einer anderen Person oder mit sich selbst.

Der Transit des Aufenthaltsraumes tut sein übriges. Die Kinder steigen in die Workshoparbeit ein und wieder aus, entsprechend der Aufmerksamkeitsangebote im Raum: Ein Geschwister läuft herum, ein anderes Kind ist schon fertig mit seiner Karte, die Schere ist gerade nicht frei, ein Elternteil schaut vorbei, das Telefon der Anmeldung klingelt, ein Trickfilm beginnt im Fernseher.

So schließt dieser Workshop mit einer Erkenntnis: Dialog ist fragil und transitorisch und benötigt einen stabilen und geschützten Raum, der dem Transit im Leben der Kinder entgegenwirken kann.

Die Aufgabe der folgenden Workshops wird es also sein, die Kinder zunehmend damit vertraut zu machen, dass sie mit ihrem Wort nicht nur privat sein dürfen sondern auch öffentlich wirken können und dass ihre Geschichte einen Wirkungsradius haben kann, wenn sie sich dafür entscheiden.

Thanassis Kalaitzis